Neue Begriffe für Nutzer von interaktiven Büchern: “Speser” & “Bamer” – Interview mit den Autoren Thomas Plischkes und Ole Johan Christiansen
Leser + Spieler * Gamer / Spieler = Speser + Bamer?
Vor Weihnachten habe ich ein Interview veröffentlicht mit Thomas Plischke: LOST-Storykonzept meets Warhammer – Ein Interview mit dem Fantasy-Autor Thomas Plischke und einige Zeit später die Buch-Rezension Superhelden sind doof. Fast immer…
Thomas und sein Partner Ole sind Autoren, die einen besonderen Hintergrund haben, der Sie für mich als Interviewpartner zu dem Thema interaktive Bücher interessant machen: Sie stammen aus der “Ecke” der Rollenspiel-Autoren, dem Bereich der interaktiven Geschichtserzählung.
Ich habe den 2 vor dem Interview eine ganze Reihe an Beiträgen aus dem Blog an die Hand gegeben. Darunter auch Wird es ein Buch 2.0 geben?
Thomas und Ole, Ihr seid ja keine Autoren, die vom Himmel gefallen sind. Euer Weg zum ersten Roman ging über den Verlag “Feder& Schwert”, oder?
Völlig richtig. Wir beide haben eine ganze Weile für Feder&Schwert gearbeitet und dort auch unsere ersten Möglichkeiten zur Veröffentlichung unseres Geschreibsels erhalten. Und wie sind wir nun bei Feder&Schwert gelandet? Genau so, wie man – oder zumindest die inzwischen etwas älteren Semester unter uns – es vermuten: Man ist ziemlich enthusiastischer Rollenspieler, möchte unbedingt für einen Rollenspielverlag arbeiten und da die Auswahl in diesem Segment nie besonders groß war, endet man schließlich bei einem der üblichen Verdächtigen.
Uns ist durchaus klar, dass es auch immer wieder kritische Stimmen gibt, die laut werden, sobald Rollenspielautoren ins Romangeschäft wechseln, aber allen Unkenrufen zum Trotz gilt: Rollenspiel ist und bleibt eine tolle Option, um den eigenen Sinn für Dramaturgie und Charakterführung zu schärfen sowie – und das ist vielleicht das wichtigste – unterschiedliche
Erzähltechniken auszuprobieren. Dass sich einige dieser Techniken dann nicht eins zu eins in den guten alten Roman übertragen lassen, liegt in der Natur der Sache. Genauer gesagt: Es liegt daran, dass ein klassischer Erzähltext nur sehr wenige Interaktionsmöglichkeiten für den Leser bietet. Selbstverständlich gibt es auch da gewisse Ausnahmen.
Bücher sind für Euch also nicht nur eine lineare Handlung? Ich verweise mal auf die alten Spielebücher oder deren App-Umsetzung Spielbuch-App – Eine Mischung aus Buch und Spiel: “An Assassin in Orlandes”
Schön, dass wir mal über Abenteuerbücher sprechen können. Die haben wir nämlich, wie wahrscheinlich viele Leute in unserem Alter, zu Kinder- und Jugendzeiten regelrecht verschlungen. Sie sind zugebenermaßen eher ein randständiges Phänomen, aber dennoch ein Beleg dafür, dass ein Buch nicht zwingend eine streng linear erzählte Geschichte bieten muss.
Im Grunde liegt da unserer bescheidenen Meinung nach ein großes Potenzial. Inhaltlich orientieren sich die Abenteuerbücher von früher ganz klar stark an den Mustern des – wie könnte es anders sein? – Abenteuerromans (meist in seiner phantastischen Ausprägung). Die Struktur folgt dem insofern, als dass die gebotenen Auswahlmöglichkeiten sich oft auf Entscheidungen im Stile von ”Gehst du nach links den Gang weiter oder willst du dich lieber rechts halten?” bzw. “Möchtest du die Kiste mit dem unheimlichen Symbol öffnen oder
lässt du sie doch lieber zu?” beschränken.
Wir wüssten nicht, was eigentlich dagegen spricht, erstens einmal andere Genres auszuprobieren (die in Japan sehr beliebten Datingspiele tun das ja in gewisser Hinsicht bereits mit dem Liebesroman), und zweitens die technologischen Möglichkeiten von heute zu nutzen, um die Erfahrung ein bisschen aufzupeppen. Dadurch würden die Grenzen zwischen Buch und Spiel stärker verwischt, doch daran können wir nichts Schlechtes sehen.
Man muss nur dem “Speser”/”Bamer” – um mal ein paar Kunstworte zu schaffen - von vornherein klarmachen, auf welchen Grad an Interaktion er sich einlässt. Manchmal findet man die größte Entspannung beim Schmökern in einem ganz gewöhnlichen Roman, und dann muss man sich nur aufraffen, eine Seite nach der anderen umzublättern (ob nun mit Papier und Finger oder mit Pad und Finger). Manchmal hat man hingegen vielleicht Lust auf richtige Action und vollen Körpereinsatz, wofür sich dann ein “Spuch/bame” – noch mehr schicke Kunstworte – eignen würde, das einen in Echtzeit in der Art einer Schnitzeljagd quer durch die Stadt schickt, um an prägnanten Orten neue Text- und Bildinfos zu erhalten, weil man dringend einen Mord verhindern, die Frau seines Lebens nicht verpassen oder sonst etwas Spannendes erleben will.
Dazwischen liegt eine enorme Bandbreite an Interaktionsmöglichkeiten und -graden, und wir sind uns recht sicher, dass da in Zukunft noch einiges ausprobiert werden wird. Vielleicht nicht heute oder morgen, aber auch nicht erst in ein oder zwei Generationen. Wir wären da auf alle Fälle gerne mit dabei – und zwar sowohl aktiv als auch passiv.
Die letzte Zeile lässt es nicht vermuten, aber… Habt Ihr schon mit solchen Projekten zu tun?
Momentan nicht. Wir hatten vor längerer Zeit mal ein Treffen mit Robert Lübke von Audiogent. Das war durchaus informativ und sehr, sehr nett - bedauerlicherweise war das aber noch vor unserer Bekehrung zu Tabs und E-Books, weswegen unsere Skepsis da ausgesprochen groß war (und einer von uns beiden muss gestehen, dass er in Sachen Spielesteuerung ein echter Grobmotoriker ist, was bei einem fisseligen Ding wie dem iPhone dann auch nicht unbedingt weiterhilft). Insofern freut es uns natürlich umso mehr, dass Audiogent so toll durchgestartet ist. Hut ab!
Zu Audiogent gibts im Blog drei Beiträge:
Wenn Ihr eines Eurer Bücher zur Grundlage nehmen würdet, welches würdet Ihr wählen? Zwerge? Superhelden oder Zombies? Und wie würdet Ihr Euch die Geschichtsverlaufsalternativen wünschen?
Puh, schwierige Frage. Arbeiten wir mal nach dem Ausschlussverfahren. Das, was wir da mit unseren Zwergen angeleiert haben, ist insgesamt ziemlich vertrackt und verkopft und würde wahrscheinlich zu viel langweiligen Infodump an vielen Stellen im Bame bedeuten. Und Superhelden – so sehr wir sie auch lieben – tun sich hierzulande unglaublich schwer.
Kurze nerdige Info von Ole:
Die Einspielergebnisse selbst für Blockbuster wie Spider-Man und Konsorten sind in Deutschland eher bescheiden, wenn man das auf die Bevölkerungszahl umlegt und es mit Ländern wie Italien oder Spanien vergleicht.
Blieben also die Zombies, und die wären gar nicht mal so eine schlechte Wahl. Guter Survival Horror hat oft den Vorteil, dass der Einstieg ins Geschehen flott und unkompliziert ist: Du sitzt in der Waldhütte/im Einkaufszentrum/im Hörsaal einer Uni/beim DSDS-Casting und ahnst nichts Böses, und plötzlich bricht die Zombieseuche aus. Das hat so einen quasi-realistischen Touch, weil wir alle schon genügend Katastrophen/Zombiefilme gesehen haben, um uns da schnell zurechtzufinden. Wir fänden Geschichtsverlaufsalternativen schön, die letztlich auf eine möglichst große Zahl befriedigender Enden zulaufen – befriedigend heißt in dem Zusammenhang nicht zwangsläufig Happy End. Was wahrscheinlich optimal wäre, die Geschichte so anzulegen, dass am Anfang der Handlung ein Rätsel steht, das sich am Ende auf jeweils unterschiedliche Weise löst. Da muss mal wieder ein Beispiel her: Nehmen wir mal LOST. Das Ende von LOST hat ja ziemlich gespaltene Reaktionen ausgelöst. Das ist unserer Meinung nach auch dem Medium geschuldet: Eine Fernsehserie hat nun einmal einen und eben nur einen Handlungsablauf. Wäre LOST ein Bame gewesen, hätte man komplett unterschiedliche Enden entwerfen können – eines, bei dem die Leute auf der Insel nur Teil eines Cyberspace-Experiments sind, eines, bei dem die Insel nur ein abgestürztes UFO ist, eines, bei dem alle Gestrandeten im Fegefeuer gelandet sind, und so weiter und so fort.
Möglicherweise liegen da die größten Möglichkeiten der Interaktivität, die das Bamen bietet: dass man ein und dasselbe Bame mehrfach erleben kann und immer wieder etwas Neues entdeckt, wenn man den verschiedenen Verlaufspfaden folgt.
Dann könnte auch jeder “Bamer” das Geschichtsende seiner Wahl “bamen”. Wunderbar, besonders im Fall der TV-Serie LOST. Wobei es natürlich auch schön ist, wenn ein Autor den Leser mit dem Ende der Geschichte “quält”: Bitte nicht immer ein HappyEnd!
Bücher der beiden Autoren bei Buch.de – Der Zombies-Roman als eBook.
22/02/2011 @ 08:05
RT @PadLive: Neue Begriffe für Nutzer von interaktiven Büchern: "Speser" & "Bamer" – Interview mit den Autoren Thomas http://bit.ly/eqXgxO
22/02/2011 @ 08:25
Braucht Ihr noch was zum lesen? >> http://ht.ly/40U1f Interessantes von PadLive
22/02/2011 @ 08:51
#iOS: Neue Begriffe für Nutzer von interaktiven Büchern: “Speser” & “Bamer” –… http://dlvr.it/HF8fH #Interview #Audiogent #eBooks
22/02/2011 @ 09:33
RT @PadLive Neue Begriffe für Nutzer von interaktiven Büchern: "Speser" & "Bamer" – Interview mit den Autoren … http://bit.ly/eqXgxO #fb
23/02/2011 @ 14:32
@drguntermann Interview zu dem Thema http://bit.ly/eqXgxO