SteamPunk die dritte in meinem Blog. Nach SteamPunk-iPad-Gadgets am letzten Donnerstag und der Blogvorstellung von Clockworker.de im Rahmen des WP-Blogger Treffens heute ein dritter und vorerst letzter Beitrag der das Thema anschneidet: Ein Interview mit Stefan Holzhauer. Stefan verfasste den viel diskutierten Gast-Beitrag Das eBook – keiner will es? in meinem Blog und macht aus seiner Not eine Tugend. Er wird zum eBook-Herausgeber.

Gerhard: Stefan, stell Dich bitte kurz den Lesern vor
Stefan: Stefan Holzhauer, Jahrgang 1965. Selbstständig als Webdeveloper und -Designer. Phantastik-, Multimedia-, MMO-, Buch- und eBook-Fan. Nerd. Digitaler Eingeborener. Phantastik-Anhänger seit ich lesen kann. Seit 2009 betreibe ich die Webpräsenz PhantaNews.de, nachdem ich Ähnliches in Sachen Publizistik vorher bereits auf anderen Seiten getan hatte. Komme leider nicht mehr so oft zum Lesen wie ich das gern hätte, aber meine Aktivitäten und die Alternativen zum Buch (Film, Spiel, insbesondere Web) fordern leider ihren Tribut.
Gerhard: Wie kommt man als PhantaNews-Blogger auf die SteamPunk-Sammelbandidee?
Stefan: Eins meiner Lieblingsthemen ist ohnehin das eBook und ich habe mich ausgiebig mit der Thematik beschäftigt, da liegt es eigentlich nahe mal auszuprobieren, was abseits der ausgetretenen Wege in dieser Hinsicht geht. Außerdem möchte ich zeigen, dass über das Web prinzipiell jeder publizieren kann. Und Steampunk mag ich seit Jules Verne. Schon in den Neunzigern war ich Anhänger des Genres, als es noch kaum jemand unter diesem Namen kannte.
Gerhard: Du schreibst Verlage mögen kein SteamPunk. Piper bringt bis Weihnachten noch 2-3 Bücher raus. (Habe wegen einiger früherer Rezensionen den neuen Katalog erhalten.) Andere Verlage bestimmt auch, oder?
Stefan: Ja, jetzt – da sie das Thema nicht mehr ignorieren können. Aber sie haben sich mit Händen und Füßen gewehrt und jahrelang behauptet, dass das hierzulande kein Mensch lesen will. Frag mal ein paar einschlägige Autoren dazu, die können ausführlich berichten.
Auch in diesem Fall haben die Verlage hoheitsvoll ein Thema abgelehnt, da es aus ihrer Sicht nicht marktfähig war und jetzt versuchen sie, noch ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Wo ist da die Innovation? Der Mut? Gut, ich gebe zu, ich komme mit dem Thema auch erst jetzt – wobei ich im Prinzip schon seit Jahren mit der Idee an sich schwanger gehe, seit ich mich näher mit eBooks beschäftige. Außerdem bin ich wie oben bereits erwähnt schon sehr lange Steampunk-Anhänger.
Ich sehe selbstverständlich ein, dass man in den Verlagen Geld verdienen möchte (muss) und deswegen nicht alles verlegen kann. Ein bisschen mehr Innovationmut würde ich mir aber definitiv wünschen. Glücklicherweise gibt es abseits der Großverlage immer wieder mutige und innovative Projekte wie beispielsweise Andy Lettaus Action Verlag, die auch mal was veröffentlichen, das die “Großen” nicht mal mit der Kneifzange anfassen würden.
Auf der anderen Seite sind Publikationen übers Web via eBook meiner Ansicht nach genau der richtige Weg, neue Themen unters Volks zu bringen, bei denen die Verlage noch schlafen. Oder Nischenthemen, mit einem begrenzten Publikum, auch hierfür ist die Publikationsform als eBook perfekt geeignet.
In den USA beginnt gerade etwas zu boomen, das man als moderne Form des Heftromans bezeichnen könnte. Auch wenn nicht jeder eine Amanda Hocking ist und Millionen umsetzt und wenn der deutschsprachige Markt viel kleiner ist, sehe ich hier definitiv eine Möglichkeit, Unterhaltungsliteratur – und nicht nur die – kostengünstig an den Leser zu bringen.
Gerhard: Du legst viel Wert auf den Punkt “Kein DRM”. Warum?
Stefan: “Digital Rights Management” ist eine Unverschämtheit gegenüber den Lesern, den Kunden. Nur der ehrliche, der das Buch kauft, muss sich damit herumschlagen; wer wirklich Wert darauf legt, der kann jegliches DRM in Minuten entfernen. Was soll das also, die ehrlichen Käufer damit zu quälen? Haben die Verlage aus den Erfahrungen der Musikindustrie denn gar nichts gelernt? Zudem blendet man auf den “großen” Plattformen für eBooks alternative Betriebssysteme wie Linux immer noch aus. Bei einer Nachfrage – ich glaube es war libreka – teilte man mir mit, Adobe DRM stehe für Linux leider nicht zur Verfügung und verstieg sich sogar in die Aussage, ich solle doch zu einem “vernünftigen” OS wechseln… Das erzählen die mir natürlich erst NACHDEM ich das eBook gekauft hatte. Man vergebe mir die offenen Worte, aber: die spinnen doch!
Zudem kann ich totge-DRM-te eBooks nicht verleihen (seit Jahrhunderten ein unschlagbares Feature von Papierbüchern, warum sollte das bei eBooks auf einmal ein Fehler sein?) und ich kann sie nicht auf jedem beliebigen Lesegerät nutzen, sondern nur auf solchen, die “lizensiert” sind. Wenn irgendwann mal die DRM-Infrastruktur abgeschaltet oder eingestellt wird, oder es keine passenden Lesegeräte mehr gibt, dann kann ich die eBooks potentiell gar nicht mehr lesen.
Die Spielehersteller machen diesen Stuss ja inzwischen leider auch immer öfter: ich muss mich, um ein Offline(!)-Spiel nutzen zu können, mit dem Internet verbinden, damit das Spiel über den DRM-Server überprüfen kann, ob ich bereichtigt bin, es zu starten. Fällt der Server aus oder wird abgeschaltet, dann taugt die Spiele-CD höchstens noch als Bierdeckel und man verhindert, dass ich mein legal und meist überteuert erworbenes Produkt spielen kann. Mich sind sie damit als Kunden los geworden, denn solche Produkte kaufe ich nicht. Dieses Vergraulen von Kunden richtet wahrscheinlich mehr Schaden an, als es jede Piraterie je könnte.
Ich bin sehr dankbar für eBook-Plattformen wie beispielsweise Christoph Kaufmanns Beam-eBooks, die auf hartes DRM verzichten und damit eindrucksvoll zeigen, dass es auch anders geht.
Gerhard: Ist “Kein DRM” nur eine Vertriebsmasche, um damit erstmal eine Bekanntheit in der Szene zu erlangen? Siehe Anton P. Reclam nutzte 1830 auch das freiwillige Zahlen als Modell von Leander Wattig.
Stefan: Der Verzicht auf DRM ist erst einmal keine Marketing-Maßnahme, sondern geschieht definitiv aufgrund meiner persönliche Überzeugung, dass DRM völlig überflüssiger Mist ist. Davon abgesehen zeigen Erfahrungen von Autoren wie Cory Doctorow oder Paul Coelho, dass die kostenlose Abgabe selbstverständlich Marketing für gedruckte Bücher und auch eBooks darstellt. Ansonsten wird übers Web geworben, denn es handelt sich um ein Projekt, das so nur im und mit dem Web entstehen kann. Sollte ein Medium abseits des Internet darüber berichten wollen, bin ich dem gegenüber selbstverständlich nicht abgeneigt. Solange ich nicht digitalisiert wurde, interagiere ich übrigens ganz gern auch mal im berühmten “real life” mit Personen.
Aber: nein, “Kein DRM” ist keine “Masche”.
Gerhard: Wie willst Du den Sammelband an den Leser bringen?
Stefan: Welcher Vertrieb? Webseite – Download – fertig.
Naja, ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber grundsätzlich ist das schon die Vorgehensweise. Eines meiner Vorbilder sind die STEAMPUNK TALES aus den USA, da klappt das seit Jahren sehr gut. Der “Vertriebskanal” ist das Web.
Ich bin relativ sicher – und hoffe es auch – dass die Leser bereit sind, das Produkt zu honorieren und dann einen Obolus ihrer Wahl via PayPal, Moneybookers (oder herkömmlich via Bankkonto – wobei das viel zu umständlich ist) zu überweisen. Ob das im deutschsprachigen Raum tatsächlich so klappen wird, ist Teil des Experiments. Ich bin aber guter Dinge.
Gerhard: Was haben die Autoren davon? Reichtum? Ewiger Ruhm?
Stefan: Reichtum sicher nicht, da bin ich Realist. Ewiger Ruhm ist auch vielleicht ein wenig dick aufgetragen.
Aber: wie Cory Doctorow ausführt, ist das größte Problem eines Autoren, dass man ihn und seine Werke nicht kennt. Es ist deswegen auch (und ich gebe zu: möglicherweise) eine Chance für junge oder unbekannte Autoren, bekannter zu werden. Ich sehe die STEAMPUNK-CHRONIKEN als eine Art Pionierprojekt, um zu zeigen, dass heutzutage jeder mit ein wenig Aufwand übers Web veröffentlichen kann.
Es ist ein Experiment mit unsicherem Ausgang, man kann als Autor auch einfach daran teil haben, weil man es spannend findet. Ich habe allerdings jegliches Verständnis für Autoren, die sich mit der Creative Commons-Geschichte nicht anfreunden können. Da aber niemand gezwungen wird…
Außerdem liegt der Fokus abgesehen vom eBook-Experiment auch auf dem Spaß am Schreiben und insbesondere am Genre Steampunk. Und darauf, dass man gemeinsam solch ein Projekt auf die Beine stellen kann. Pioniergeist im digitalen Zeitalter.
Man könnte auch die Frage stellen: was haben Autoren davon, wenn sie ein gedrucktes Buch veröffentlichen? Reichtum? Ruhm? In den allermeisten Fällen weder noch, denn es gibt nur wenige die davon leben können. Bei meiner Herangehensweise werden aufstrebende Autoren zumindest mit einiger Wahrscheinlichkeit von deutlich mehr Lesern wahrgenommen, als in einem Buch das nicht gekauft wird und in irgendeinem Lager vor sich hin staubt. Wenn dann diese Leser später vor dem Buchregal stehen (sei es virtuell oder real) und sich erinnern “Hey, das war doch der, dessen Story mir in den STEAMPUNK-CHRONIKEN so gut gefallen hat!” und das Buch dann kauft, dann ist das doch auch was, oder?
Sollte das Konzept erfolgreich sein, könnte man auch über alternative Themen zum Steampunk nachdenken, so dass auch Genre-Autoren die sich lieber mit anderen Facetten befassen mal zum Zug kommen können. Kernthema würde aber auch dann die Phantastik bleiben, weil mir das persönlich sehr am Herzen liegt. Aber diese Erwägungen sind ganz ferne Zukunft.
Gerhard: Für den ersten Sammelband soll es nur den Weg zum Spenden geben. Was ist wenn ein Leser später das Buch via iBook herunterladen mag? Wirst Du dort den Sammelband 2 dann gegen einen kleinstmöglichen Festpreis einstellen?
Stefan: Warum sollte ich? Das angebotene eBook soll explizit plattformunabhängig sein. Ich werde mich ganz sicher nicht den Vorgaben und Geschäftsgebaren von Apple unterwerfen, wenn man das eBook auch auf meiner Seite – oder anderen, wir erinnern uns: Creative Commons-Lizenz – herunter laden kann, ohne irgendwelche Nachteile zu haben. Dazu braucht es nicht iBook, dazu reicht ein Browser und ein eBook-Reader wie beispielsweise Stanza. Das Projekt soll ja gerade zeigen, dass es OHNE proprietäre Wege geht, wie sie beispielsweise Apple beschreitet. Apples unverschämt zu nennende Verhaltensweisen in Sachen Apps und dass sie dem Nutzer vorschreiben wollen, was er nutzen darf und was nicht finde ich unmöglich. Das ist eigentlich sehr schade, denn technisch und insbesondere in Sachen Ergonomie sind Apples Produkte top. Aber in Sachen Nutzergängelung benehmen sie sich despotisch, dagegen ist ja sogar Microsoft der reinste Waisenknabe.
Ich habe allerdings bereits angedacht, eine Version speziell für das iPad zu erstellen und prüfe gerade entsprechende HTML5-Frameworks wie z.B. “Baker” (bakerframework.com). Mal sehen, wieviel Aufwand das ist und wenn es sich im Rahmen hält, beziehungsweise das Verhältnis Aufwand zu Nutzen stimmt, dann werde ich das sicher anbieten.
Bei Amazon sehe ich eigentlich ähnliche Probleme in Sachen Beschränkung, aber selbst die lassen jetzt ePub auf dem Kindle und in Ihrem Store zu – und die CHRONIKEN später über deren Plattform zu vertreiben ist Teil des Experiments. Mit ein Grund, die STEAMPUNK-CHRONIKEN genau jetzt zu starten ist der Launch des deutschen Amazon-eBook-Shops vor ein paar Wochen bzw. die Meldung in der letzten Woche, dass eBooks im ePub-Format jetzt erlaubt sind.
Für alle Plattformen abseits des Kindle werden die STEAMPUNK-CHRONIKEN aber ohne proprietäre Mauern angeboten. Wobei ich ganz offen sage, dass ich mich selbst überraschen lassen werde, was im Zusammenhang mit diesem Projekt so alles geschieht und wohin der Weg geht – und selbstverständlich auch vor habe, auf Leserwünsche reagieren, wenn sie oft genug vorgetragen werden. Man kann auf der Webseite des Projekts Kommentare abgeben und ich würde mich wirklich freuen, wenn das auch geschieht und es zu einer Kommunikation mit den Lesern und Autoren kommt.
Was ich mir allerdings für Deutschland noch wünschen würde wäre ein eReader mit gutem eInk-Display für deutlich unter 100 Euro, damit das elektronische Lesen hierzulande endlich mal in den Massenmarkt geht.
Gerhard: Danke fürs Interview. Mehr unter SteamPunk-Chroniken.de
Gerhard Schroeder